Der Zwillingsflug ohne Paradoxon
Wir schreiben das Jahr 3000. Der Flugzwilling startet mit 0,8c zum 8Lj entfernten Stern Vega. Der Erdzwilling glaubt Claus und will daher zunächst den Effekt der
Lorentzkontraktion berücksichtigen. Was also erscheint aus Sicht des Erdzwillings bewegt? Aha: Das Raumschiff des Flugzwillings. Vor dem Start hatten die Zwillinge gemessen, dass das Raumschiff 10m lang ist. Nun, nach dem Start, ist es aus Sicht des Erdzwillings nur noch 6m lang. Ob nun aber 10m oder 6m Raumschifflänge - egal - der Erdzwilling stellt jedenfalls fest, dass der Stern Vega nach dem Start genauso wie vor dem Start relativ zur ihm (und damit auch zur Erde) ruht. Vega gehört also immer noch seinem (also dem aus seiner Sicht ruhenden) Inertialsystem an und die von ihm ermittelte Strecke Erde-Vega beträgt daher auch nach dem Start unverändert 8 Lj. Der Flugzwilling wird also nach Berechnung des Erdzwillings 10 Jahre pro Strecke brauchen und kehrt folglich im Jahr 3020 (des Erdzwillings) zur Erde zurück.
Flugzwilling geht wie vereinbart in gleicher Weise vor: Was ist aus
seiner Sicht bewegt? Sein Raumschiff ruht seiner Meinung nach und ist nach wie vor 10m lang. Aber nach dem Start rast Vega mit 0,8c auf ihn zu! Auch die Erde sieht er im Rückspiegel mit 0,8c von sich wegbewegen. Erde-Vega bilden aus seiner Sicht also das bewegte Bezugssystem, welches um den Faktor 0,6 verkürzt wird. Flugzwilling kommt deshalb zum Schluss, dass er bis zur Vega nur 4,8Lj zurückzulegen hat. Er schafft das seiner Meinung nach hin und zurück also in nur 12 Jahren und ermittelt sein Ankunftsdatum für das Jahr 3012.
Nach 10 Jahren denkt Erdzwilling: Nun ist mein Bruder auf Vega angekommen. Er schaut zum Himmel und was sieht er? Er sieht das Raumschiff seines Bruders irgendwo zwischen Erde und Vega. Die Raumschiffuhr zeigt das Jahr 3003,3 an. Wieso das? Die Uhr seines Bruders läuft nach Einsteins Zeitdilatation doch "nur" um 40% langsamer. Folglich sollte bei seinem Bruder "jetzt" das Jahr 3006 sein. Der Erdzwilling weiß allerdings nach kurzem Nachdenken, dass er das "jetzt" ja noch nicht sehen kann. Das Licht braucht von Vega ja noch 8 Jahre um zu ihm zur Erde zurück zu gelangen. Folglich sieht er seinen Bruder "jetzt" noch auf der Reise zwischen Erde und Vega und muss noch 8 Jahre warten, bis er seinen Bruder auf Vega ankommen sieht. Im Jahr 3018 schaut er also nochmals in den Himmel - und sieht dann in der Tat, wie sein Bruder auf Vega ankommt. Die Raumschiffuhr zeigt wie erwartet das Jahr 3006. Die Uhr im Raumschiff ging also für den Erdzwilling über die gesamte (optische) Flugphase effektiv dreimal langsamer, wie seine eigene Uhr. Erdzwilling liest nun im Physik-Buch über den
Doppler-Effekt, dass die Frequenz einer sich mit 0,8c entfernenden Lichtquelle um den Faktor 0,55 erniedrigt wird. Entsprechend verlangsamt erscheinen einem Beobachter auch alle Vorgänge (z.B. das Frühstück im Raumschiff, der Lauf der dortigen Borduhr etc.), die durch ein solches dopplerverschobenes Licht abgebildet werden. Der Erdzwilling will nun den
alleinigen Effekt der Zeitdilatation bestimmen und rechnet dazu den Dopplereffekt (= die Lichtlaufzeit) aus dem heraus, was er
optisch gesehen hat: Optisch hatte er ja gesehen, dass die Uhr des Flugzwillings während seiner 18 Jahre nur um 6 Jahre (also mit dem Faktor 0,33) weitergelaufen ist. Da er weiß:
"Gesamtverlangsamung = Zeitdilatationsverlangsamung x Dopplereffektverlangsamung" teilt der Erdzwilling die Gesamtverlangsamung durch 0,55 und erhält 0,33/0,55 = 0,6 für die Zeitdilatation. Die Uhr des Flugzwillings ging also
tatsächlich nicht um den Faktor 0,33, sondern nur um den Faktor 0,6, also 40% verlangsamt. Das ist das, was die SRT vorhersagt und deshalb zeigt die Uhr des Zwillings bei Ankunft erwartungsgemäß auch das Jahr 3006 an.
Als Flugzwilling auf der Vega ankommt, zeigt seine Uhr das Jahr 3006. Er weiß, dass die Uhr des Erdzwillings nach Einstein während seiner Flugphase mit dem Faktor 0,6, also um 40% verlangsamt lief. Somit berechnet er, dass „jetzt“ (d.h. zum Zeitpunkt seiner Ankunft) das Jahr 3003,6 auf der Erde sein müsste. Mit dem Teleskop schaut er von der Vega zur Erde und sieht dort natürlich etwas anderes: Er sieht seinen Zwillingsbruder und dessen Uhr, die gerade das Jahr 3002 anzeigt. Natürlich hat auch der Flugzwilling das Physik-Buch mitgenommen. Auch er teilt das, was er sieht (auf der Erde sind 2 Jahre vergangen) durch 0,55, rechnet damit den Einfluss der Lichtlaufzeit heraus und findet die SRT bestätigt: Tatsächlich sind während seines 6-jährigen Hinflugs zur Vega auf der Erde 3,6 Jahre vergangen.
Nun geht es an die Rückreise. Im Physik-Buch
beider Zwillinge steht, dass sich die Frequenz einer Lichtquelle um den Faktor 5 erhöht, wenn man sich auf sie mit 0,8c zubewegt. Entsprechend beschleunigen sich dabei nun alle Abläufe.
Der Erdzwilling sieht den Flugzwilling im (seinem) Jahr 3018 von Vega starten. In nur 2 Jahren seiner Zeit, nämlich im Jahr 3020 wird er seinen Bruder wieder sehen. Während des Rückflugs beobachtet der Erdzwilling die Uhr des Flugzwillings und stellt fest, dass diese in seinen 2 Jahren um 6 Jahre voranschreitet. Die Uhr des Flugzwillings lief also
optisch dreimal so schnell, wie die eigene. Der Erdzwilling erinnert sich an sein Physik-Buch, teilt die 6 Jahre seines Bruders durch den Faktor 5 und stellt fest: Tatsächlich ist die Uhr des Flugzwillings in den 2 Erd-Rückreisejahren nur um 1,2 Jahre (also 40%
langsamer als seine eigene) gelaufen. Der Erdzwilling findet somit auch auf der Rückreise die perfekte Übereinstimmung mit der von Einstein vorhergesagten Zeitdilatation.
Der Flugzwilling hingegen fliegt 3006 von Vega los und sieht die Uhr des Erdzwillings das Jahr 3002 anzeigen. Während seiner 6-jährigen Flugzeit schreitet die Uhr des Erdzwillings auf das Jahr 3020 vor. Die Uhr des Erdzwillings läuft optisch also dreimal so schnell, wie seine eigene. Das ist derselbe Faktor, den auch der Erdzwilling festgestellt hatte. Auch der Flugzwilling teilt die von ihm beobachteten 18 Erdjahre durch 5 um den Dopplereffekt (also den Einfluss der Lichtlaufzeit) herauszurechnen. Er kommt dann auf 3,6 Jahre; die Uhr des Erdzwillings ist also offensichtlich während seiner 6-jährigen Rückreise
tatsächlich nur um 3,6 Jahre vorangeschritten - der Rest der Jahre geht auf´s Konto des Dopplereffekts. Der Flugzwilling findet also ebenso wie der Erdzwilling auch auf der Rückreise den erwarteten Zeitdilatationsfaktor von 0,6. Auch der Flugzwilling findet die von der SRT vorhergesagte Uhrenverlangsamung somit eindrucksvoll bestätigt.
Bearbeitet von Claus am 25.07.2009 um 21:58 Uhr.