Um die Relativität der Gleichzeitigkeit zu verstehen, ist das Zwillingsparadoxon auch nicht ganz das geeignete Mittel. Es ist umgekehrt so, daß ein Verständnis der Relativität der Gleichzeitigkeit hier nötig ist, um zu verstehen, warum die gegenseitige Verlangsamumg hier kein Problem ist. In der Tat ist die Relativität der Gleichzeitigkeit so etwas wie die Essenz der Relativitätstheorie; wenn man sie verstanden hat, dann ist der Rest kein großes konzeptionelles Problem mehr.
Nun aber zur Relativität der Gleichzeitigkeit. Dieses wird üblicherweise anhand eines Gedankenexperiments mit einem Zug erläutert, der durch einen Bahnhof mit einer Lampe in der Mitte des Bahnsteigs fährt. Irgendwann wird diese Lampe eingeschaltet. Für jemand, der am Bahnsteig steht (für den sich der Bahnsteig also nicht bewegt) ist klar, daß das Licht an beiden Bahnsteigenden gleichzeitig ankommt, denn schließlich steht die Lampe in der Mitte, so daß das Licht in beide Richtungen gleich lange braucht.
Nun fährt aber gerade in diesem Moment ein Zug (mit konstanter Geschwindigkeit) durch den Bahnhof. Im Bahnsteig sitzt ein Fahrgast, der ebenfalls beobachtet, wie die Lampe angeht. Nun bewegt auch für ihn das Licht mit Lichtgeschwindigkeit (Grundpostulat der SRT!), aber außerdem bewegt sich für ihn auch der Bahnsteig nach hinten. Das heißt, das vordere Bahnsteigende (also das, das in Fahtrichtung des Zuges liegt) bewegt sich auf das von der Lampe kommende Licht zu, während sich das hintere Ende in dieselbe Richtung bewegt wie das von der Lampe darauf zukommende Licht. Als Folge ist für den Fahrgast klar: Das Licht erreicht das vordere Ende des Bahnsteigs früher als das hintere.
Das heißt, die Ereignisse, die vom Bahnsteig aus gleichzeitig sind (das Licht erreicht das vordere Ende des Bahnsteigs/das Licht erreicht das hintere Ende des Bahnsteigs), sind aus dem relativ dazu bewegten Zug heraus
nicht gleichzeitig. Das Licht erreicht das vordere Ende des Bahnsteigs zuerst.
Das gilt übrigens nur in (relativer) Bewegungsrichtung: Für zwei Ereignisse, die an verschiedenen Stellen auf gleicher Höhe des Bahnsteigs passieren, stimmen Bahnsteig-Beobachter und Zug-Beobachter in Bezug auf die Gleichzeitigkeit überein.
Ok, wie wirkt sich das jetzt auf das Zwillingsparadoxon aus? Nun, um das zu verdeutlichen, erweitere ich das Gedankenexperiment: Ab gegenüberliegenden Gleis fahre ebenfalls gerade ein Zug durch, mit derselben Geschwindigkeit, aber in die entgegengesetzte Richtung. Aus Symmetriegründen ist nun sofort klar, daß für einen Fahrgast in diesem Zug ebenfalls der
für ihn vordere Teil des Bahnsteigs (also der für den Fahrgast im ersten Zug
hintere Teil) zuerst vom Licht beleuchtet wird.
Nun sitzen die Fahrgäste aber zufällig gerade so, daß sie beide das eine Ende des Bahnsteigs gleichzeitig passieren, das für den Fahrgast in Zug 1 das hintere, für den Fahrgast in Zug 2 das vordere Ende ist, und dies zudem gerade zu dem Zeitpunkt, als auch das Licht dort ankommt. Da sie sich zu diesem Zeitpunkt also auf gleicher Höhe des Bahnsteigs (eben an besagtem Ende) befinden, sind sie sich auch einig, daß sie beide gleichzeitig, und auch gleichzeitig mit dem Licht, dieses Bahnsteigende passieren (d.h. die Aussage ist trotz Relativität der Gleichzeitigkeit unabhängig vom Bezugssystem sinnvoll). Der Reisende in Zug 2 wird eine gewisse Zeit später auch das andere Bahnhofsande passieren, während der Reisende in Zug 1 es bereits passiert hat. Beide stellen fest, daß zwischen "jetzt" und ihrem Passieren des anderen Bahnsteigendes für sie mehr Zeit vergeht als die dort befindliche Bahnhofsuhr in dieser Zeit voranschreitet (wegen der Zeitdilatation). Allerdings verstehen sie unter "jetzt" etwas völlig anderes:
Für den Reisenden in Zug 2 erreicht ja das Licht das andere (für ihn vordere) Bahnsteigende früher als das hintere Bahnsteigende. Da "jetzt" der Moment ist, an dem das Licht das für ihn hintere Bahnsteigende erreicht, ist also "jetzt am anderen Bahnsteigende" ein Zeitpunkt dort,
nachdem das Licht dieses Bahnsteigende erreicht hat.
Für den Reisenden in Zug 1 hingegen ist das andere Bahnsteigende das
hintere. Da also "jetzt" das Licht das für ihn vordere Bahnsteigende erreicht, ist für ihn "jetzt am anderen Bahnsteigende" ein Zeitpunkt dort,
bevor das Licht dieses Bahnsteigende erreicht hat.
Die Gesamtzeit am "Uhr-Bahnsteigende", die auf der am anderen Bahnsteigende befindlichen Bahnhofsuhr zwischen dem Passieren des 1. Reisenden und dem 2. Reisenden setzt sich also aus folgenden drei Zeitspannen zusammen:
1. Die Zeit, zu der der 1. Reisende dieses Ende des Bahnsteigs passiert, bis zu dem Zeitpunkt am Uhr-Bahnsteigende, den der 1. Reisende beim Passieren des
anderen Bahnsteigendes für das Uhr-Bahnsteigende als "jetzt" bezeichnet (wie erläutert, liegt dieser Zeitpunkt
vor Eintreffen des Lichtes).
2. Die Zeit, die von diesem Zeitpunkt bis zum Eintreffen des Lichtes vergeht. Das ist derselbe Zeitpunkt, an dem aus Bahnsteigsicht sich die beiden Reisenden begegnen.
3. Die Zeit, die von diesem Zeitpunkt bis zu jenem Zeitpunkt vergeht, die der Reisende 2 für das Uhr-Ende beim Zusammentreffen als "jetzt" versteht.
4. Die Zeit, die von desem Moment bis zum Passieren des zweiten Reisenden an diesem Bahnsteigende vergeht.
Die Zeitspanne 1 ist kürzer als die Zeit, die für den ersten Reisenden zwischen dem Passieren beider Bahnhofenden vergeht (Zeitdilatation des Bahnsteigs für den Reisenden 1). Die Summe von Zeit 1 und Zeit 2 ist jedoch
länger als die für den Reisenden 1 vergehende Zeit zwischen den Bahnsteigenden (Zeitdilatation des Reisenden 1 aus Bahnsteigsicht). Und analoges gilt natürlich auch für den Reisenden 2.
Daraus folgt aber, daß die Summe der
vier Zeiten länger ist als die Summe der zwei Zeiten der Reisenden.
Würde man hingegen die jeweils für den jeweiligen Reisenden während der Vorbeifahrt am Bahnsteig vergangene "Uhrbahnsteigende-Zeit" für die beiden Reisenden addieren, dann bekäme man zwar eine kürzere Zeit heraus – aber dann hätte man ja auch nur die Zeiten 1 und 4 addiert, und die Zeiten 2 und 3 unter den Tisch fallen lassen.