@ Thomas der Große
Zitat:
[...] Also Deine Synthese von Kant und Popper konnte ich nachvollziehen,
aber das mit der Systemtheorie und deren geomertischer Interpretation eher nicht.
Wenn das geometrische Modell greift, wieso soll beim Zusammensetzen von Dreiceken
wieder ein Dreieck herauskommen und nicht gerade eine Pyramide?
[...]
Eine Pyramide ist zweifellos deutlich "kantiger" als ein Dreieck; sie ist überhaupt DIE LÖSUNG,
allerdings für ein anderes Problem.
:-)
Aber Spass beiseite, die geometrische Deutung sollte ganz allgemein illustrieren,
dass durch wiederholte Anwendung eines einfachen Gesetzes
aus einfachen Bausteinen ein komplexes Gebilde entstehen kann.
Natürlich hätte ich dazu auch auf Fraktale zurückgreifen können, oder auf Bienenwaben.
Wenn die erwähnten vier Dreiecke noch mit zwei weiteren gleichseitigen Dreiecken ergänzt werden,
dann können diese sechs Dreiecke ein Sechseck bilden. Sechsecke lassen sich wiederum nahtlos
zu größeren Gebilden aneinander fügen, wie das von den Bienenwaben ja bestens bekannt ist.
Auch in graphischen Darstellungen von Strukturformeln der organischen Chemie nimmt
das Sechseck eine herausragende Stellung ein, weil sich damit eine große Vielfalt an Strukturen
von Makromolekülen (Ringe, Ketten, Kombinationen daraus) veranschaulichen lassen.
Als zusätzliche Dreiecke sollten sich grundsätzlich Konzepte aus den Sachgebieten Psychologie
und Soziologie anbieten. Allerdings wollen mir partout keine Konzepte aus diesen Sachgebieten
einfallen, die sich als elementare Bausteine eines Erklärungsmodelles für das Zustandekommen
von Erkenntnis eignen würden.
In der Psychologie machen mir die Jung-Gesellen keine rechte Freud,
und aus der Soziologie drängt sich mir auch nichts Passendes auf.
Wenn also hierzu niemandem ein überzeugendes Konzept einfällt, dann müssen wir
zunächst einmal mit den vier bereits skizzierten Dreiecken vorlieb nehmen.
Zitat:
[...] Und was wäre jeweils die resultierende Aussage für das Wesen der Zeit?
Das ist wirklich eine gute Frage.
Zur Beantwortung dieser Frage muss ich ein wenig ausholen und kurz skizzieren,
wie eine Information über die "Welt an sich"
in eine Vorstellung von der Welt im Hirn eines Menschen umgewandelt wird
(dies ist eine Leihgabe aus dem Museum für Neurowissenschaften).
Die Information über ein bestimmtes Muster in der "Welt an sich" wird in drei Etappen
in eine Vorstellung von der Welt im Hirn eines Menschen umgesetzt.
Erste Etappe:
Von den Sinnesorganen werden Signalfolgen an verschiedene Zielneuronen im Hirn gesendet;
diese Konstellationen von Signalfolgen müssen das entsprechende Muster aus der "Welt an sich"
irgendwie repräsentieren.
Zweite Etappe:
Die empfangenen Konstellationen von Signalfolgen müssen im Hirn in einer Weise interpretiert
werden, bei der dieses Muster als ein solches erkannt wird.
Dritte Etappe:
Das so erkannte Muster muss vom Hirn in das bestehende Weltbild integriert werden, d.h., in den
bereits vorhandenen Bestand an für wahr genommenen Aussagen über die Welt eingefügt werden.
Die so konstruierte Vorstellung von der Welt kann allerdings durch mehrere Faktoren verfälscht
worden sein. Zum einen durch fehlende bzw. unvollständige Information, zum anderen aber auch
durch vom Wahrnehmungssystem fabulierte Information, die zumeist bei der Interpretation
der Signale durch das Hirn hinzugefügt wird. Bekannte Beispiele dafür sind Täuschungen der
visuellen Wahrnehmung (Kanizsa-Täuschung) und Täuschungen der Schmerzwahrnehmung
(Phantomschmerzen).
Der mit Abstand komplexere Teil ist die dritte Etappe. In dieser Etappe finden umfangreiche
Adaptierungen, Neugruppierungen und Wechselwirkungen statt, die einer wiederholten Anwendung
einfacher Gesetze ähneln.
Dabei können auch die Konzepte Selbstorganisation und Emergenz zum Tragen kommen.
Das gilt natürlich auch für das Zustandekommen unseres Begriffes von Zeit.
In der ersten und zweiten Etappe liegt das Kantige ja ziemlich offen auf der Hand.
Dass die Sinnesorgane nur dann ein Muster aus der "Welt an sich" in den zum Hirn gesendeten
Signalen repräsentieren können, wenn sie auch imstande sind, dieses Muster zu repräsentieren,
ist eine Trivialität. Da ist das "a priori" für einen Blinden greifbar.
Das Gleiche gilt für jene Instanzen im Hirn, die in den empfangenen Signalkonstellationen
das Muster erkennen sollen.
Nicht ganz so offenkundig ist die Sachlage in der dritten Etappe.
Aber selbst bei der Integration von erkannten Mustern in das bestehende Weltbild darf vermutet
werden, dass durch häufig wiederholtes Auftreten bestimmter erkannter Muster so etwas wie
eine Erwartung von Selbstverständlichem entsteht, die ihrerseits prägend (selektierend) auf
die Wahrnehmungen rückwirkt.
Ein indirektes "kantiges a priori" kann also auch in dieser Etappe nicht ausgeschlossen werden.
So war das gemeint !
Bearbeitet von Kantigerwilli am 01.07.2008 um 19:22 Uhr.