Um der Diskussion noch folgen zu können, muß ich zwei Fragen stellen:
1. Unter Äther verstehe ich ein ausgedehntes Medium, das angeregt werden kann und dann Schwingungen überträgt. Versteht ihr etwas anderes darunter?
Kommt drauf an, was Du unter einem Medium verstehst
:-)
Die Vorstellung war, daß der Äther eine Art Material ist, das den Raum ausfüllt, und dort insbesondere ein bestimmtes Bezugssystem auszeichnet, in welchem er ruht. Insbesondere: Wenn es einen Äther gäbe, dann wäre es sinnvoll zu sagen: "Ich bewege mich mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h relativ zum Äther". In der Tat wird "Äther" heute oft synonym zu "bevorzugtes Bezugssystem" gebraucht. Elektromagnetische Felder sollten dann Verformungen dieser Substanz sein, und elektromagnetische Wellen wären mechanische Wellen in diesem Medium.
Insbesondere ist das elektromagnetische Feld, wie es heute aufgefaßt wird, kein Äther, obwohl es ebenfalls angeregt werden kann und dann Schwingungen (elektromagnetische Wellen) "überträgt".
Zitat:
2. Was ist das Loch-Argument?
Diese Frage hat mich erinnert: Dazu wollte ich schon mal vor längerer Zeit etwas schreiben
:-)
Das Loch-Argument ist ein Argument, das zeigt, daß man die Metrik ("das Gravitationsfeld") nicht als ein unabhängiges Feld auf einer Raumzeit auffassen kann (man kann also nicht Raumzeit und Gravitationsfeld voneinander trennen). Genauer gesagt war es ein Argument, das Einstein zeitweilig davon überzeugt hat, daß eine allgemein kovariante (s.u.) Gravitationstheorie nicht möglich sei. Eine Ansicht, die er später wieder revidiert hat: Die ART ist in der Tat allgemein kovariant.
Einige vertreten anscheinend die weitergehende Ansicht, daß es besagt, die ART beschreibe keine Raumzeit, aber ich bin da anderer Meinung. Den Grund werde ich gleich erläutern. Aber zunächst einmal das Loch-Argument selbst.
Eine grundlegende Eigenschaft der ART ist wie gesagt die allgemeine Kovarianz, d.h. die Invarianz unter Diffeomorphismen. Diffeomorphismen sind "glatte Transformationen": Transformationen, die aus glatten Kurven wieder glatte Kurven machen, also keine Knicke oder "Risse" hineinbringen. Mathematisch bedeutet das, daß die Transformationsgleichungen stetig differenzierbar sind. Das ist die einzige Bedingung, die gestellt wird, amsonsten können Diffeomorphismen beliebig "wild" ausfallen.
Wichtig ist an diesem Punkt der Unterschied zwischen aktiven und passiven Transformationen. Passive Transformationen sind einfach eine Änderung der Beschreibung. Nehmen wir als Beispiel ein Bild auf dem Bildschirm: Üblicherweise wird ein Punkt am Bildschirm bestimmt durch den Abstand vom linken und den Abstand vom oberen Bildrand. Damit nimmt die zweite Koordinate von oben nach unten zu, ein Punkt an der oberen linken Ecke hat die Koordinaten (0,0), ein Punkt an der unteren linken Ecke beispielsweise die Koordinaten (0,1000). Nun ist es in der Mathematik aber üblich, die zweite Koordinate nach oben hin anwachsen zu lassen. Das kann man erreichen, indem man für die zweite Koordinate einfach statt dem Abstand vom oberen den Abstand zum unteren Bildrand nimmt. In diesen neuen Koordinaten hat nun der untere linke Bildpunkt die Koordinaten (0,0) und der obere linke Bildpunkt die Koordinaten (0,1000). Ist also z.B. der Bildschirm oben blau und unten grün, dann ist in den Koordinaten "von oben" der Punkt (0,0) blau und der Punkt (0,1000) grün, während in den Koordinaten "von unten" der Punkt (0,0) grün und der Punkt (0,1000) blau ist.
Die beiden Koordinatensysteme lassen sich einfach ineinander umrechnen: Bezeichnet man die Punkte in den Koordinaten "von oben" mit (x
1,y
1) und die Punkte in den Koordinaten "von unten" mit (x
2,y
2), so gilt x
2=x
1, y
2=1000−y
1. Nach dieser Koordinatentransformation hat also der Punkt (x,100-y) die Farbe, die vorher der Punkt (x,y) hatte. Diese Umrechnung ändert natürlich nichts am Bild selbst, der Punkt oben links bleibt der Punkt oben links, und das Bild bleibt weiterhin oben blau und unten grün. Nur die Beschreibung ändert sich. Das nennt man eine passive Transformation.
Eine aktive Transformation hingegen verändert das Bild selbst. Bleiben wir in den Koordinaten"von oben" und spiegeln wir stattdessen das Bild auf dem Bildschirm: Jetzt ist der obere Bildrand grün und der untere Bildrand blau. Welche Farbe hat nun der Punkt mit den Koordinaten (x,y)? Nun, da oben und unten vertauscht sind, müssen wir den Punkt vor der Spiegelung betrachten, der vom oberen Rand genau so weit entfernt war, wie er jetzt vom unteren Rand entfernt ist. Der Punkt (x,y) hat also jetzt genau die Farbe, die vor der Transformation der Punkt (x,1000-y) hatte. Mathematisch handelt es sich also um dieselbe Transformation, allerdings ist die Bedeutung eine andere: Bei der passiven Transformation haben wir die Beschreibung geändert, bei der aktiven Transformation haben wir das Bild selbst umgedreht.
Ein wesentlicher Punkt hierbeii ist, daß – eben weil die mathematische Beschreibung identisch ist – zu jede aktiven Transformation eine passive Transformation existiert, so daß die mathematische Beschreibung des transformierten Systems wieder identisch ist zur mathematischen Beschreibung des ursprünglichen Systems. Im Bildschirmbeispiel: Wenn wir das Bild vertikal spiegeln (also oben und unten vertauschen), und anschließend zu seiner Beschreibung statt der Koordinaten "von oben" die Koordinaten "von unten" verwenden, dann können wir in der mathematischen Beschreibung keinen Unterschied zwischen dem untransformierten und dem transformierten Bild sehen. Fragen wir etwa nach der Farbe des Punktes mit den Koordinaten (0,0), so werden wir vorher die Antwort "blau" erhalten, weil die Koordinaten (0,0) dem Punkt oben links bezeichnen, und oben links ist das Bild blau. Nach der kombinierten Transformation werden wir ebenfalls die Antwort "blau" erhalten, denn dank der passiven Transformation beschreiben die Koordinaten (0,0) nun den Punkt
unten links, und dank der aktiven Transformation ist nun der Punkt
unten links blau.
Ok, jetzt aber endlich zum Lochargument selbst: Nehmen wir an, wir haben einen Bereich der Raumzeit ohne Materie (das "Loch"). In diesem Bereich gebe es zwei Punkte A und B, deren Gravitationsfeld sich unterscheide. Nun machen wir eine aktive Diffeomorphismus-Transformation, die außerhalb dieses Lochs alles beim Alten beläßt, innerhalb jedoch das Gravitationsfeld von Punkt A auf den Punkt B verschiebt (im Bildschirm-Beispiel könnte man sich z.B. eine lokale Verzerrung des Bildes in einem bestimmten Bereich vorstellen). Anschließend machen wir diese Transformation passiv "rückgängig": Die Koordinaten, die vorher den Punkt A beschrieben haben, beschreiben jetzt den Punkt B.
Nun haben wir aber ein Problem: Außerhalb des Loches, insbesondere also in der Vergangenheit von A und B, hat sich nichts geändert. Wenn nun aber die Gravitationstheorie allgemein kovariant ist, dann hat die "Doppeltransformation" (aktiv + passiv) nichts an der mathematischen Beschreibung geändert; allerdings gilt die Beschreibung, die vorher für den Punkt A galt, nun für den Punkt B. Das heißt, wir haben jetzt zwei Lösungen der Gravitationsgleichungen, die für den Punkt B bei gleicher Vergangenheit
verschiedene Felder liefern – für eine deterministische Theorie eine Unmöglichkeit.
Nun, da die ART sowohl deterministisch als auch allgemein kovariant ist, muß im Loch-Argument offenbar ein Haken stecken: Eine implizite Annahme, die mit zum Widerspruch beiträgt, und ohne die kein Widerspruch auftritt. Das "anti-geometrische" Argument ist nun, daß das Konzept der Punkte A und B selbst diese Annahme ist: Wenn man nicht fragt: "Wie ist das Gravitationsfeld im Punkt A", sondern nur "Wie ist das Gravitationsfeld dort, wo sich das Teilchen X befindet", dann gibt es keine Probleme, denn die aktive Transformation transportiert ja das Teilchen X auch mit. Nach dieser Argumentation gibt es also keine Raumzeit (mit Punkten A, B), sondern nur ein Gravitationsfeld.
Ich sehe das etwas anders. Betrachten wir das Argument nämlich genauer, dann stellt sich heraus, daß der eigentliche Pferdefuß nicht in der Annahme einer Raumzeit besteht, sondern in der Annahme von
zwei Entitäten: Einer Raumzeit, und einem
in dieser Raumzeit befindlichen Gravitationsfeld. Erst diese Trennung erlaubt es, eine aktive Transformation zu definieren. Um das zu erläutern, gehen wir nochmal auf das einfache Bildschirm-Beispiel zurück:
Als aktive Transformation hatten wir ja die vertikale Spiegelung des Bildes (Vertauschen von oben und unten) betrachtet. Nun stelle ich aber die Frage: Wie definiere ich das Vertauschen von oben und unten? Nun, ich muß offenbar eine Definition von "oben" und "unten" haben, um festzustellen, was beim Bild "oben" ist. Diese Definition muß ganz offensichtlich von
außerhalb des Bildes kommen, denn wenn ich z.B. definiere "oben ist, wo das Bild blau ist", dann kann ich offenbar niemals eine Situation bekommen, wo das Bild
unten blau ist. Es muß also etwas
zusätzlich zum Bild geben, das mir erlaubt, "oben" und "unten" zu definieren. Im Beispiel ist es der Monitor, auf dem das Bild erscheint.
Sehr schön sieht man das auch bei Newtons Eimer-Argument: Newton stellt fest, daß sich in einem rotierenden Wassereimer (in dem das Wasser mitrotiert) eine gekrümmte Wasseroberfläche einstellt, auf einem nicht rotieren Wassereimer (mit ebenfalls nicht mitrotierendem Wasser) hingegen eine flache Wasseroberfläche. Daher braucht er
etwas, relativ zu dem sich der Eimer dreht: Den absoluten Raum. Wenn sich etwas
relativ zum absoluten Raum dreht, dann stellen sich Fliehkräfte ein. Was aber nun, wenn sich auch der absolute Raum mitdreht? Dann stellt sich die Frage:
Gegen was soll der absolute Raum rotieren? Um eine Rotation des absoluten Raums zu definieren, bräuchte man einen absoluten "Überraum", relativ zu dem sich der absolute Raum drehen kann. Ohne einen solchen absoluten Überraum läßt sich eine Drehung des absoluten Raums gar nicht erst
definieren. Wir sehen also: Eine aktive Transformation läßt sich nur definieren, wenn es etwas gibt, was
nicht mittransformiert wird. Oder anders ausgedrückt: Aktive Transformationen sind immer
relativ.
Ok, kehren wir nun zur ART und zum Lochargument zurück. Das Lochargument beruhte darauf, daß wir zwei Punkte haben, und eine aktive Transformation, die das Gravitationsfeld vom einen Punkt zum anderen transportiert, also
relativ zur Raumzeit verschiebt. Wenn man aber nun die ART als geometrische Beschreibung einer Raumzeit interpretiert, dann
gibt es kein Gravitationsfeld, das man relativ zur Raumzeit transformieren könnte. Die Gravitation ist
eine Eigenschaft der Raumzeit selbst, eine Verscahiebung des Gravitationsfeldes wäre also eine Verschiebung der Raumzeit … ja, gegen was? Es gibt keine "Über-Raumzeit", gegen die man die Raumzeit verschieben könnte, so wie es keinen "absoluten Überraum" gibt, gegen den man den Newtonschen absoluten Raum bewegen könnte. Damit ist es nicht möglich, eine aktive Transformation zu definieren, und somit ist auch die geometrische Interpretation der ART "immun" gegen das Loch-Argument.
Das Loch-Argument sagt also nur, daß es in einer allgemein kovarianten (und deterministischen) Gravitationstheorie nicht
zwei Entitäten geben kann, eine Raumzeit und ein darin befindliches Gravitationsfeld. Es besagt
nicht, daß es das Konzept einer Raumzeit ist, das wir aufgeben müssen.