Hallo, speziell Ernst, Thomas aber auch alle anderen!
Zunächst einmal finde ich es äußerst bedauerlich, dass ihr zwar wie die Raubvögel heruntergestürzt seid, die Demokratie zu zerfetzen, die doch zumindest der Möglichkeit und der Form nach besteht, und scheinbar nicht einer von euch etwas dabei findet, wenn ein Großteil der Bevölkerung als dumm und ungebildet hingestellt wird mit der Schlussfolgerung, für solche Menschen wäre Demokratie nicht die richtige Staatsform.
Zudem scheint ihr voll auf der Verschwörer-Schiene zu sein. Ja sicher gibt es einen „Main-Stream“, was Nachrichten oder auch Reportagen betrifft. Aber jeder, der auch nur halbwegs interessiert ist, kann sich mit Leichtigkeit schlauer machen, da bieten auch ARD und ZDF, und ab und an sogar die „Privaten“ genug Material. Es gibt Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen, Zeitschriften, Bücher die Menge, wer da behauptet, man würde schlecht informiert, trägt selbst die Verantwortung.
Und ja, Nachrichten werden von den Anbietern ausgewählt, und logisch gibt es dann Nachrichten, die nicht gesendet werden. Aber diese Nachrichten stehen nirgends unter Verschluss. Und ich vermute mal, dass es den Verantwortlichen in der Politik durchaus manchmal genehm ist, nicht alles als Nachricht ausgebreitet zu finden.
Aber Demokratie lebt von denen, die sich beteiligen, und hier und heute, ob in vielen Teilen Europas oder in den USA, liegt es an den Menschen, dem „Wahlvolk“, sich kundig zu machen und sich ins Zeug zu legen. Sich umtun, dem Abgeordneten im Wahlkreis auf die Füße treten, initiativ werden – und nicht nur, wenn einem das neue Stück Straße vor der Haustür nicht passt.
Unserer Demokratie krankt daran, dass die Menschen glauben, ihre Verantwortung am Wahltag abgeben zu können! Und dann wundern sie sich und rasten aus, wenn nicht ihre ureigenen Interessen vertreten werden. Aber so ist das nun mal – ein Abgeordneter ist auch von Menschen gewählt, die andere Interessern vertreten als meine eigenen, dieser Abgeordnete muss sich entscheiden, und er soll und kann es nicht allen Recht machen. Und will ich mich durchsetzen, muss ich mit ihm argumentieren, und auch dann kann es sein, dass seine Entscheidung im Stadtrat, Landtag, Bundestag anders ausfällt, weil er mit anderen Menschen, die ebenfalls mit ihm argumentieren, vielleicht anderer Meinung ist.
Ernst, wie ich bereits geschrieben habe, sind mir Schwächen und eklatantes Fehlverhalten durchaus bekannt (deinen Beitrag von ARTE kannte ich übrigens schon, dennoch noch mal mein Dank!).
Erst mal denke ich, dass ein Fehler immer wieder gemacht wird: Der Schluss von einzelnen Ereignissen auf die Gesamtheit. Das betrifft selbstverständlich nicht nur Diskussionen über die Demokratie, sondern ist echt allgemeingültig. (Ich erinnere nur an die SRT, die wegen einzelner Messergebnisse – zumal die sich nicht immer als korrekt erweisen – und die sofortige Behauptung, die SRT sei widerlegt. Damit lebt sie nun seit einhundertundzehn Jahren.)
Weiter kann man nur in Bezug auf ein als demokratisch behauptetes Systems die Richtigkeit dieser Behauptung überprüfen. Das Verhalten der einzelnen Staaten zueinander oder das Wirtschaften global agierender Konzerne bzw. Banken findet aber gar nicht in einem als demokratisch gefügten Rahmen statt.
Wenn du also z. B. das Verhalten der USA gegen Hawaii ansprichst, hat dieses Verhalten selbstverständlich nichts mit Demokratie zu tun – das war das Gebaren einer – im Verhältnis zu Hawaii damals – Großmacht, die ihre knallharten wirtschaftlichen Interessen durchsetzte. Das war Kapitalismus in Reinkultur. Zudem spielte das alles in einer Zeit, als die Kolonialmächte ihre Interessen vollkommen unverfroren und als vollkommen legitim betrachtet verfolgten.
Und na klar haben die USA nicht nur dort und damals und nicht nur einmal ihre Interessen scheinheilig mit Diplomatie durchgesetzt – oder mit der CIA, ich denke nur an Panama und viel später an Kuba (Schweinbucht), Chile, Grenada. Und na klar haben das alle „Großmächte“ mehr oder weniger offen getan. Nur – wer kommt auf die Idee, die Art des Wirtschaftens habe etwas mit Demokratie zu tun? Was hat der „freie Markt“ mit Demokratie zu tun?
Und na klar beuten wir – die westlichen Staaten – auch heute noch Länder zu Hauf aus; nur nicht mehr so offen. Der globale „freie Markt“ basiert – wenn es „gut“ läuft, auf Handelsabkommen, also auf Verträgen, bei denen die wirtschaftliche Macht die Verhandlungsposition bestimmt (wenigstens sind es heute nicht mehr so offen Kanonenboote, wie damals z. B. in China).
Kurz: Der globale Handel hat nichts und hatte nie etwas mit Demokratie zu tun. Es gibt keine legitim vom Volk gewählten Vertreter, die letztlich über diesen Handel bestimmen, weil es gar kein Volk gibt, das all diese auf dem Markt Handelnden in ihrer Gesamtheit legitimieren könnte, es gibt keine Struktur, die irgendwie demokratisch wäre. Solange ein Staat nach dem Völkerrecht als Gebilde unantastbar ist, womit auch die mieseste Diktatur noch legitimiert wird, halte ich es für überlegenswert, in wie weit Verträge zwischen Staaten legitim sind. Immerhin heißt es „Völkerrecht“, und nicht „Staatenrecht“. Na ja, man muss mit einem Mindestmaß an Recht anfangen.
Und für einen nationalen liberalen Markt braucht es auch keine Demokratie, siehe China.
Unser Grundgesetz schützt die freie Meinungsbildung, aber keineswegs ist in ihm die Art des Wirtschaftens vorgegeben. Eine soziale Marktwirtschaft ist genauso wenig geschützt wie eine liberal oder gar neo-liberale. Man kann nicht immer die „Mainstream-Parteien“ wählen, um gegen Ungerechtigkeiten des Wirtschaftssystems angehen zu wollen. Wer eine am Menschen und nicht am Markt orientierter Wirtschaft will, muss entweder in den Parteien tätig werden, oder selbst ein Partei gründen.
Übrigens aus der Verfassung NRW:
Artikel 24
(1) Im Mittelpunkt des Wirtschaftslebens steht das Wohl des Menschen. Der Schutz seiner Arbeitskraft hat den Vorrang vor dem Schutz materiellen Besitzes. Jedermann hat ein Recht auf Arbeit.
Artikel 27
(1) Großbetriebe der Grundstoffindustrie und Unternehmen, die wegen ihrer monopolartigen Stellung besondere Bedeutung haben, sollen in Gemeineigentum überführt werden.
Zusammenschlüsse, die ihre wirtschaftliche Macht missbrauchen, sind zu verbieten.
Artikel 28
Die Klein- und Mittelbetriebe in Landwirtschaft, Handwerk, Handel und Gewerbe und die freien Berufe sind zu fördern. Die genossenschaftliche Selbsthilfe ist zu unterstützen.
LG
Henry
Das Leben ist zu ernst, um es nur ernst zu nehmen.