Mein Neffe ist Arzt in einem Krankenhaus. Die ca.20 Betten für die Behandlung von Coronapatienten sind nicht belegt. Die übrigen Patienten bleiben aus, weil sie Angst vor Infektionen im Krankenhaus haben.
Hallo Harti,
die Patienten bleiben nicht weg, ihre Behandlung wurde aus Risikovorsorge nur zurückgestellt.
Aber zu der von dir zuvor aufgeworfenen Problematiken: Frag doch mal deinen Neffen, ob er sich als Landarzt allein ohne Ablösung mit nächtlichen Hausbesuchen herumschlagen und für weniger Geld seinen Klinik-„Ruhe-“posten dafür aufgeben möchte? Oder in die Stadt mit geregeltem Dienst als Hausarzt, der hier am Tage auch Hausbesuche macht, dafür aber in der Nacht in Wechselschicht von einem ärztlichen Notdienst, der jederzeit ins Haus kommt, abgelöst werden möchte? Ich selbst kenne noch die Zeit, als der Kinderarzt zu mir ins Haus kam, obwohl es in der ganzen Gegen nur einen gab. Wenn er gerufen wurde, hatte man annähernd 42 Fieber und die Eltern wussten nicht mehr, selbst zu helfen, was sonst früher mit Anleitungen noch so üblich war. Heute geht jeder mit seinem Kind zum Arzt, a) weil die Eltern heute keine oder wenig Ahnung zur Selbsthilfe haben und b) weil Vorsorgeuntersuchungen sie dazu zwingen.
Selbst verständlich gibt es wie überall auch Infektionen durch Dritte im Krankenhaus. Manchmal aber sollten Patienten in kleinen “Klitschen“, wo ein einzelner Arzt alles kann/will/muss, auch eher Angst vor anderen Dingen haben, was leider viel zu wenig der Fall ist. Nicht zuletzt wird deshalb über die Einhaltung von Behandlungs-/OP-Mindestmengen gesprochen, was großen Kliniken dann wieder so ausgelegt wird, sie würden nur Geschäfte machen wollen. Diese Problematik wird aber über staatliche Krankenhausbedarfspläne abgeschwächt. Diese Pläne regeln die notwendigen Investitionen einer Klinik, für die nach dem Finanzierungsrecht allgemein der Staat und nicht die Krankenkassen aufzukommen haben.
Sorge um Freiheitsrechte ist grundsätzlich stets angebracht und immer berechtigt. Deine bisher vorgebrachten Argumente sind leider völlig untauglich, die aus Sorge um Menschenleben getroffenen Maßnahmen als unnötig und überzogen hinzustellen. Ich bin im Gegensatz zu dir heilfroh, dass wir keine Diktatur benötigen, um diese in demokratischer Rechtsstaatlichkeit bei einer regelmäßig der Überprüfung auf weiterer Notwendigkeit angelegten Dauer hinzubekommen. Die Rechte der Legislative, die Exekutive zu kontrollieren, sind nicht eingeschränkt, sondern sind lediglich zum Eigenschutz der Abgeordneten umgestaltet. Für D habe ich bisher keine Sorge, dass dieser Zustand auf Dauer angelegt sein könnte. Dagegen kann jederzeit die Judikative angerufen werden, was auch geschieht.
Man mag sich darüber streiten, ob nicht der Staat in Klima- und Naturfragen, die nicht unmittelbar eine Todesfolge unter Menschen sichtbar machen, aber auf Sicht noch tödlicher sein können, ebenso, wenn nicht entschiedener, handeln müsste.
Also: Deine Sorge in allen Ehren, ich teile sie, aber den von dir heraufbeschworenen Ansatz eines tiefgehenden Raubes von Freiheitsrechten, die nicht zur gegenwärtigen Gefahrenabwehr für Leib und Leben durch Verfassung und Gesetzes dringend geboten erscheinen (die Alternativen sind dir mehrfach vorgeführt worden), sehe ich beim besten Willen derzeit noch keineswegs. Ich kann auch nicht erkennen, dass dies schon Morgen anders sein sollte.
Kirsche
Die Vergangenheit ist über die Gegenwart verbrauchte Zukunft.