Zitat: "Wie gesagt, der Schluss "Sprache=Denken" ist unbestätigt."
Ich glaube, da missverstehen wir uns vielleicht ein wenig. Sprachliches Denken ist begriffliches Denken. Ein Wort ist lediglich ein Symbol für einen Begriff.
Verfügen Tiere auch über Begriffe? Ja, das tun sie, aber bei ihnen sind die Begriffe an die Wahrnehmung gebunden. Es ist kein Problem für einen Affen in einer konkreten Situation zu erkennen, dass er die Kisten aus der Ecke nehmen muss, um an die an einer Schnurr hängende Banane zu kommen.
Aber so ist er immer an die Wahrnehmung gebunden. Er kann nicht später noch darüber nachdenken... dazu braucht es ein bestimmte Organisation des Gedächtnisses.
Eine Sprache wie unsere ermöglicht eine neue Weise, die Begriffe und das Gedächtnis zu verwalten. Wenn du auf einem Blatt Papier "Baum" liest, dann hörst du dies innerlich auch, also den Wortlaut und du hast auch eine Vorstellung von einem Baum, unabhängig von deiner momentanen Wahrnehmung.
In diesem Sinne entsteht dadurch eine ganz neue Qualität des Denkens. Du benutzt hier ständig Begriffe, über die du ohne Sprache nicht verfügen würdest. Heute reden die Leute ganz normal davon, dass jemand etwas verdrängen würde etc... aber das ist nicht selbstverständlich.
Solche Begriffe und Worte, mit denen die Begriffe symbolisiert werden, wurden erst durch jemanden erschaffen. Dabei wird ein neuer Begriff oft durch bereits bestehende Begriffe erklärt. (Wobei die Begriffsbildung etwas sehr komplexes ist.)
Jedenfalls verfügst du über die zehntausende von Begriffen, die du hast, nur dadurch, dass du Teil einer Sprachgemeinschaft bist. Und jetzt sag mir bitte nicht, dass dein Denken nicht dadurch geprägt wurde?
Als angehender Mathematiker solltest du doch wissen, welchen Einfluss diese Ausbildung auf das Denken hat. Allein schon was die Logik betrifft ändert sich viel im Denken, wenn man über Begriffe aus der Mengenlehre verfügt.
Normale Menschen begehen ständig logische Fehler, wenn sie Schlüsse ziehen. Aber jemand, der über den Begriffsapparat der Logik verfügt, selbst wenn er nur visuell mit den Begriffen hantiert, in dem er sich Aussagenmengen bildlich vorstellt, oder eine Implikation als einen kleinen Kreis in einem größerem etc... denkt ganz anders.
Das mit den Worten ist im übrigen eine ganz interessante Sache. Es gibt Menschen, die sehen eine Farbe, wenn sie zum Beispiel einen bestimmten Ton hören.
Aus Sicht der Neurobiologie ist es das gleiche Phänomen wie beim inneren hören eines Wortes, wenn man es liest.
Wenn man einmal eine Schrift erlernt hat, kann man gar nicht mehr anders, als dort Worte wahrzunehmen. Und dies ist gleichbedeutend mit der Aktivierung des Begriffes, der dadurch symbolisiert wird.
Der innere Monolog in Form einer Sprache ist nichts weiter als eine bestimmte Form der Organisation, die Denken und Erinnern unabhängig von der momentanen Wahrnehmung erlaubt.
Zitat:
Meinst du, dass abstraktes Denken erst mit der Entwicklung der Sprache entstanden ist?
Im Falle des Menschen ist es so. Zumindest ist es die gängige Meinung nach hundert Jahren Entwicklungspsychologie. Es handelt sich dabei nicht einfach um theoretische Spielereien, sondern um die Erziehung von Kindern und ihre Entwicklung.
Rekapituliere doch einfach mal deine eigene Entwicklung. Wie hast du Begriffe wie "Gerechtigkeit" erlernt? Hast du Bücher gelesen? Geschichten? Welche Welt bleibt einem verschlossen, wenn man eine Sprache nicht richtig beherrscht?
Bearbeitet von Andre am 08.03.2007 um 13:18 Uhr.