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Zeit, Vorstellung oder wahrnehmbare Realität ?

Thema erstellt von Harti 
Beiträge: 1.593, Mitglied seit 13 Jahren
Hallo zusammen,

da im Forum kaum was passiert, stelle ich mal meine Sicht der Frage "Was ist Zeit" zur Diskussion:

Schon in der Fragestellung sind zwei Worte problematisch. Das Wort "ist" suggeriert eine reale Existenz der Zeit, wie ein mit den Sinnen wahrnehmbares Objekt, und das Wort "Zeit" selbst bedarf einer Rückführung auf den Kern des Begriffs, weil es im allgemeinen Sprachgebrauch sehr diffus verwendet wird.

Wir haben zwar eine Vorstellung von Zeit (ein Zeitgefühl), aber kein Organ, das Zeit unmittelbar wahrnehmen kann, wie Augen, Ohren oder Tastsinn, mit denen wir Objekte wie Autos, Bäume oder Blumen wahrnehmen können. Zeit ist daher kein mit den Sinnen wahrnehmbares Objekt unserer Umwelt. Feststellen kann man, dass die Vorstellung von Zeit als Kind mit der Entwicklung des Gehirns erlernt wird und im Alter mit dem Abbau des Gehirns auch wieder verloren gehen kann. Daraus schließe ich, dass die Vorstellung (das Gefühl) von Zeit ein Programm (Software) unseres Gehirns ist, wie Sprache, Mathematik und sonstige Intellektuelle Fähigkeiten. Die Zeitvorstellung hat sich evolutionär entwickelt, weil es von Vorteil war, kausale Geschehensabläufe in der Natur zu beschreiben und sich mit anderen Menschen darüber zu verständigen. Auch Tiere dürften daher ein mehr oder weniger entwickeltes Zeitgefühl haben, auch wenn sie die Zeit nicht normieren und damit messen können.

Zum Kern des Zeitbegriffs werden in populärwissenschaftlichen Darstellungen regelmäßig drei Geistesgrößen genannt.
Augustinus, der einfach kapituliert hat, indem er zum Ausdruck gebracht hat, dass er zwar ein Zeitgefühl habe, es aber nicht erklären könne.
Newton, der Zeit als "Dauer" definiert hat und in seiner Bewegungslehre als absolut, naturgegeben angenommen hat.
Einstein, der pragmatisch "Zeit" als das definiert hat, was Uhren anzeigen. Auch in dieser Definition von Einstein kommt zum Ausdruck, dass "Dauer" im Prinzip den Kern des Begriffs Zeit ausmacht; denn mit Uhren wird Dauer gemessen.

Zu erklären ist deshalb, wie die Vorstellung von Dauer zustande kommt.

Wir können einzelne Veränderungen in der Natur beobachten, beispielsweise dass im Frühling grüne Blätter an den Bäumen erscheinen. Um uns vorzustellen, dass dieser Vorgang dauert, d.h. Zeit in Anspruch nimmt, müssen wir diese Veränderung zu zumindest einer weiteren Veränderung, die wir beobachten, in Beziehung setzen. Dies könnte z.B. die Drehung der Erde um ihre Achse sein, also der Wechsel von Tag und Nacht. Das Ergrünen der Bäume würde dann z.B. 10 Tage dauern, und es wäre eine der ersten Uhren in der Menschheitsgeschichte definiert, mit der Zeit gemessen werden kann.
Unser allgemeines Zeitgefühl bedarf allerdings keiner Uhr; denn die Vorstellung, dass das Ergrünen der Bäume dauert, haben wir auch ohne Uhren. Diese Vorstellung, die ich als Software unseres Gehirns bezeichnet habe, resultiert daraus, dass wir aus Erfahrung wissen und gelernt haben, dass während eine konkreten Geschehensablaufs unzählige weitere kausale Geschehensabläufe stattfinden. Die im Kern aus der Herstellung einer Beziehung zwischen zwei Veränderungen resultierend Vorstellung von Zeit hat sich verselbständigt und evolutionär zu einer Vorstellung von Dauer und damit zu einer intellektuellen Fähigkeit und damit zu einem Programm (Software) unseres Gehirns entwickelt.

Unsere Zeitvorstellung unterscheidet sich daher im Prinzip nicht von anderen erlernten intellektuellen Fähigkeiten.

MfG
Harti
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Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen. A.E.
Beitrag zuletzt bearbeitet von Harti am 14.07.2021 um 17:45 Uhr.
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Beiträge: 851, Mitglied seit 10 Jahren
Zitat von Harti:
Unsere Zeitvorstellung unterscheidet sich daher im Prinzip nicht von anderen erlernten intellektuellen Fähigkeiten.

Mal hatte ich das Vergnügen, an einer Fachtagung für Naturgefahren, mit dem Schweizer Anchorman (Thomas Bucheli) im Bereich der METEO – Berichterstattung gemeinsam auf dem Pausenbalkon, mit Blick auf den Vierwaldstättersee, zu parlieren. Er meinte da - wir waren ja unter uns - das Wetter wäre stets für Überraschungen gut. Eigentlich aber kein Geheimnis – wie der Wandel des Klimas – nur ein steter natürlicher Wandel – nichts Besonderes. Im Bereich der Naturgefahren aber, ist so ziemlich alles für Überraschungen gut - NOTA BENE – meine ich da.

Fähigkeiten können wachsen mit der Zeit.

Wir müssen erkennen, dass natürliche Zeitabläufe niemals von politischen Strukturen gesteuert werden können.
Auch wenn da nichts im Forum passiert – die Zeit schreitet voran und natürliche Strukturen geben ja nach um Räume zu füllen zu ändern.

Harald

Es ist vielleicht Zeit – dies zu verstehen.

H:cool:π
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Es gibt nur eine Zeit - die aktive und die passive Gegenwart - und Gravitation
ist die Antwort der Gegenwart auf die Einwirkung vergangener Wichtigkeiten.
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Beiträge: 1.358, Mitglied seit 16 Jahren
Allgemein kann ich den Ausführungen zustimmen. Das ist im Großen und Ganzen auch meine Sicht.

Harti schrieb in Beitrag Nr. 2364-1:
...Zeit ist daher kein mit den Sinnen wahrnehmbares Objekt unserer Umwelt...

Doch. Wir nehmen mit allen Sinnen Veränderungen wahr. Und das ist der Kern des Zeitbegriffs.
Auch Einsteins Aussage ist nicht nur pragmatisch oder naiv. Ich sehe sie doppeldeutig. Einerseits ist Zeit das, was Uhren als Meßwert anzeigen (auf der genormten Skala eines Zifferblattes). Andererseits zeigt die Uhr Veränderungen an. Wir können die Veränderungen der Umwelt nicht mit einer festen Skala eines Lineals messen, sondern nur ebenfalls mit Veränderungen, wie der Zeigerstellung einer Uhr.

Zitat:
...Die Zeitvorstellung hat sich evolutionär entwickelt, weil es von Vorteil war, kausale Geschehensabläufe in der Natur zu beschreiben und sich mit anderen Menschen darüber zu verständigen...

Ja, wir brauchen die verschiedenen Begriffe für Zeit, um unsere Umwelt zu beschreiben - genauso wie wir die Mindestanzahl von 3 Raumkoordinaten dazu brauchen.

Zitat:
...Wir können einzelne Veränderungen in der Natur beobachten, beispielsweise dass im Frühling grüne Blätter an den Bäumen erscheinen. Um uns vorzustellen, dass dieser Vorgang dauert, d.h. Zeit in Anspruch nimmt, müssen wir diese Veränderung zu zumindest einer weiteren Veränderung, die wir beobachten, in Beziehung setzen...

Diese Beziehung zu einer weiteren Veränderung ist eben die Beziehung zur veränderlichen Zeigerstellung einer Uhr.

Zeit ist für mich also, wie ich es immer wieder beschreibe, ein chronometrischer Abstand zwischen Ereignissen und Zuständen.
Aber es ist keine diffuse "Dimension" im Sinne von Paralleluniversum, durch die man nach belieben vor und zurück "reisen" kann.
Die kausale Ablauf-Folge von Ereignissen nennen wir "Zeit"-Ablauf. Dieser Ereignis-Ablauf kann überall im Universum unterschiedlich sein, je nach Gravitationsstärke und Bewegungszustand materieller Objekte.
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Es gibt keine Urknall-Singularität.
Beitrag zuletzt bearbeitet von Bernhard Kletzenbauer am 18.07.2021 um 11:34 Uhr.
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Beiträge: 1.593, Mitglied seit 13 Jahren
Hallo Berharnd Kletzenbauer
Bernhard Kletzenbauer schrieb in Beitrag Nr. 2364-3:
Doch. Wir nehmen mit allen Sinnen Veränderungen wahr. Und das ist der Kern des Zeitbegriffs.

Nach meiner Sicht der Dinge sind "Veränderungen" unserer Wahrnehmung zugänglich, und wir wenden die Modelle (Vorstellungen) von Zeit und Raum darauf an, um uns über Veränderungen zu verständigen. Uhren sind im Prinzip nur mit Maßeinheiten (Sekunde, Minute, Stunde) versehene Maßstäbe, die Zeit zählbar (mathematisch beschreibbar) machen. Uhren zeigen reine Dauer ohne Richtung an. Man kann z.B. mit einer Uhr feststellen, dass ein Film 90 Minuten dauert, nicht aber ob er vorwärts oder rückwärts abgespielt wird. Die von Uhren gemessene "Zeit" (der entsprechende Zeitbegriff) hat daher keine Richtung (Zeitpfeil). Dies entspricht dem von Einstein formulierten Zeitbegriff für die Relativitätstheorien.
Von diesem Zeitbegriff weicht der allgemeinsprachliche Zeitbegriff ab, indem er unbewusst kausale Abläufe als Bestandteil des Zeitbegriffs auffasst und auf diese Weise eine Richtung beinhaltet.

Ob andere Vorstellungen bezüglich einer Richtung der Zeit (Entropiesatz, Ausdehnung des Universums u.s.w.) als Bestandteil des Zeitbegriffs zur Beschreibung von Veränderungen sinnvoll sind, mag dahin stehen.



Zitat:
Ja, wir brauchen die verschiedenen Begriffe für Zeit, um unsere Umwelt zu beschreiben - genauso wie wir die Mindestanzahl von 3 Raumkoordinaten dazu brauchen.

Ich denke, wir kommen in vielen Fällen auch mit einer reduzierten Anzahl von Raumkoordinaten (Strecke, Fläche) aus, um etwas zu beschreiben, z.B. bei Geschwindigkeiten.

Zitat:
Zeit ist für mich also, wie ich es immer wieder beschreibe, ein chronometrischer Abstand zwischen Ereignissen und Zuständen.

Das sehe ich, wie gesagt, anders. Für unser Zeitgefühl brauchen wir m.E. keine Uhren, wie wir ja vielfach auch nicht uhrengenau wissen, wie lange etwas dauert.

MfG
Harti
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Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen. A.E.
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