Hi Horst,
also, dann hätten wir ja jetzt einiges geklärt. Prosit
:-)
Von Horst:
Zitat:
... “Zeit” ist nichts als ein Wort, das wir einem selbsterdachten Ordnungssystem gegeben haben, mit Hilfe dessen wir versuchen uns im erkannten Bewegungschaos(!!) zu orientieren !
Im großen ganzen sehe ich das auch so. Vielleicht würde ich es nicht "selbsterdacht" nennen, sondern "angeboren intuitiv": Ich vermute, daß auch eine Katze dieses "Ordnungssystem" anwendet, ohne es sich vorher explizit "auszudenken"; es ist ihr vermutlich angeboren. Dieses "Ordnungssystem" hat es sicherlich schon gegeben, als die ersten urzeitlichen Gehirne enstanden. (Wie man sieht: Selbst das Schreiben und Verstehen dieses Satzes setzt die intuitive Kenntnis des besagten "Ordnungssystems" voraus; alles was ich schreibe, involviert "Zeit").
Nun haben wir "Zeit" auf zweierlei Frage-Ebenen: Einmal als Wort -- und einmal als geistiges Ordnungssystem. Ich denke, die Erörterung, wie das
Wort zustande kam, erübrigt sich, weil das gleichnamige "angeborene intuitive Ordnungssystem" zuerst da war; und dieses hat dann später von uns seinen Namen bekommen: "Zeit". Nicht unmgekehrt. Ergo denke ich nicht über die Wortherkunft nach (die ist geklärt), sondern darüber, ob man jenes "angeborene intuitive Ordnungssystem" weiter analysieren kann, ob es in weitere konstruktive Bestandteile zerlegt werden kann, oder ob bei dieser Intuition eventuell doch schon Ende ist, beziehungsweise ob "Zeit" vielleicht doch nicht weiter beschreibbar ist; das heißt, ob "Zeit" womöglich eine Quale darstellt, so wie die Qualia rot, salzig, hell etc.: geistige Phänomene, die nicht weiter beschreibbar sind, die a priori so sind, wie sie sind. Momentan denke ich, das intuitive Konstrukt, das wir "Zeit" nenne, läßt sich
wohl noch ein kleines bißchen weiter zerlegen ...
Von Horst:
Zitat:
Hardy, tue mir den Gefallen und ersetze doch mal alle deine Worte “Zeit” durch das Wort “Bewegung” ......brauchst du dann eigentliche noch die “Zeit” ?
Seit ein, zwei, Jahren ersetze ich in der Tat in gewissen Diskussionen (gereade in diesem Forum) das Wort "Zeit" durch das Wort "Bewegung", beziehungsweise "Veränderung". Und, ja, dementsprechend brauche ich das Wort "Zeit" dann strenggenommen nicht mehr.
Von Horst:
Zitat:
Und was meinst du, wenn der beurteilende Mensch einmal seine Stippvisite auf dem Planeten Erde beendet hat ......gibt es dann noch Geist und Seele und “Zeit”?
Ich vermute, daß die Bedingungen der Möglichkeit eines "Zeitkonstrukts" (besseres Wort?) -- ob geistig oder nicht-geistig -- auch während unserer Abwesenheit bestehen. Mit anderen Worten, ich vermute, daß die Welt -- erstens -- auch ohne Mensch existiert und -- zweitens --, daß die Weltexistenz sich mindestens vierfach entfaltet (mathematisch gesagt: sich mindestens 4-dimensional ausdehnt). Einfacher gesagt, in der Welt steckt Futter für Interpretationen (z.B. für "Zeitkonstrukte").
Nehmen wir an, es gibt fremde Wesen, dessen Anschauungsform ebenfalls diese vier Dimensionen übersetzen kann (zum besseren Zurechtfinden im Chaos): Vielleicht empfinden diese Wesen dasjenige, was wir als Raumhöhe empfinden, als Zeitdauer; und dasjenige, was wir als Raumbreite empfinden, empfinden diese Wesen womöglich als Raumtiefe; und eine elektromagnetische Wellenlänge von 700 nm empfinden diese Wesen möglicherweise nicht, wie wir, als rot, sondern als grün -- oder als sauer, oder als bassig! Und so weiter. Womöglich hat so jedes geistige Wesen sein individuelles Ordnungssystem.
Nebengedanke: Die Kommunikation zwischen den Wesen erfolgt wohl intuitiv. Da ist sie wieder, die Intuition. Jene Gesellschaft, in der evolutionär diejenige Intuition sich herausbildet, die am wenigsten Mißverständnisse produziert, wird sich auf kommunikative Weise auch am besten organisieren können. Also wenn das eine Wesen von "Raumbreite" spricht, und sein Kollege dabei immer an "Zeitdauer" denkt, dann unterliegen beide Kollegen unterschiedlicher Intuition: Sie werden sich nie verstehen und deshalb nie fortpflanzen (sofern sie sich zufällig wie wir sexuell vermehren), beziehungsweise, sie enstehen erst gar nicht. Nur Gesellschaften (Wesensformen) mit intersubjektiver Standardintuition können entstehen. Deshalb ist es logisch, daß Intuition, wenn sie einmal überlebt, auch automatisch zu sehr starken intersubjektiven Übereinstimmungen führt. (Haben wir hier wohl etwa doch Leibnizens "Prästabilierte Harmonie"?
:-)
).
Von Horst:
Zitat:
Diese Frage stelle ich, da ich eine naturwissenschaftliche, atheistische Weltanschauung habe !
Ich würde mich selbst ebenfalls als jemanden mit "naturwissenschaftlicher" und atheistischer Gesinnung bezeichnen. Atheistisch allerdings im agnostischen Sinne. Ich unterteile den Atheismus übrigens in zwei Tendenzen:
1. Psychologischer Atheismus:
Manche nennen ihn auch "positiven Atheismus". (Positiv im Sinne von "positivistisch": "Gott gibt es nicht, basta."). -- Dazu zähle ich die Leute, die es psychisch nicht ertragen, daß ein allmächtiger Chef das gesamte persönliche Leben lenkt; oder die den Gedanken an die Möglichkeit, in der Hölle schmoren zu müssen, unerträglich finden. Diese Leute sind Gefühlsmenschen. Keine besonders rational denkenden Menschen. Das erkennt man an ihren Argumenten: Sie sagen, wenn es Gott gäbe, dann würde er das so und so machen, dann würde er dies und jenes zulassen, und das und dies fördern etc. -- Also eine ebenso irrationale willkürlich personifizierte und unbegründet dogmatische Argumentation, wie sie die Theisten anwenden: Es ist purer Glaube. Trost. Hoffnung. Angstbekämpfung. Gewisse Ängste können nun mal nicht rational eliminert werden. Da muß ein dogmatischer Glaube her. (90% aller Menschen haben eine angeborene Flugangst, obwohl ein Absturz nahezu unmöglich ist; hingegen während einer 10-stündigen Autofahrt, wo tausende von Autos im seitlichen Abstand von nur 2 Metern aneinander vorbeirasen, haben dieselben Menschen keine Angst. Völlig irrational. Diese Irratio ist nicht so einfach eliminierbar). Psychologische Atheisten haben einen regelrechten Haß auf Religion. Haß aus Angst. Oder Haß wegen einem streng religiösen Elternhaus oder wegen sonstigen Traumas. Sie leugnen Gott. Aber sie trauen sich insgeheim nicht, an eine Gottes-Beschimpfung wenigstens zu denken; sie fühlen sich dabei unbehaglich. Es könnte ja doch ...). -- Ich habe mich oft gewundert über manche irrationale Gefühlsmenschen, die sich als Atheisten bezeichnen (die gleichzeitig aber klammheimlich an Unsinn wie Astrologie und dergleichen glauben). Was ich soeben hier beschrieben habe, ist meine derzeitige Theorie, wie dieses vermeintliche Paradoxon zustande kommt.
2. Agnostischer Atheismus:
Manche nennen ihn auch "negativen Atheismus". (Negativ im Sinne von: "Solange ich keinen Gott sehe, ist seine Existenz, unter Vorbehalt, zu negieren."). -- Ich, beispielsweise, bin Agnostiker: Ich weiß, daß ich nahezu nichts weiß, und daß ich schon gar nichts weiß über Manitou, Allah, Gott, Odin etc. Was ich weiß ist, daß Menschen viele Geschichten erzählen. So ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Existenz eines Gottes für mich nichts anderes als eine menschliche Erfindung. Da all mein Wissen aber nur Vermutungswissen ist, und da ich nur einen winzigen Ausschnitt der Welt erlebe, muß ich konsequenterweise eingestehen: Ich kann die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen. Ich fasse diesen Standpunkt zusammen unter dem Etikett "Agnostizismus". Ich bin Agnostiker. Ich bekomme keine Haßgefühle, wenn Gottesgläubige sich mitteilen. Erst wenn Fundamentalisten Andersdenkende bedrängen, fange ich an, mich aufzuregen. Aber ansonsten soll von mir aus jeder tun und lassen, was ihn fröhlich macht.
Von Horst:
Zitat:
Als Problem würde ich es nicht gerade bezeichnen, aber auch ich kann mich wundern, wieso oft hochintelligente Menschen ihre geistigen Vorstellungen, insbesondere in der Religion, so vehement als Wahrheiten, als Realitäten verteidigen, obwohl sie doch jeglicher Logik widersprechen !
Angeborene Angst? Eventuell bestärkt durch Höllengeschichten. Angeborene Angst läßt sich nicht durch rationales Nachdenken eliminieren. Was hälst Du von meiner Theorie oben, siehe unter "Psychologischer Atheismus" und darin "Flugangst" etc.? Wie gesagt, angeborene Angst ist kein Problem der Intelligenz (zumal Intelligenz wiederum zu unterteilen ist in räumliche, sprachliche, emotionale, soziale Intelligenz und ein Dutzend weitere). In seltenen Fällen mag eine Psychotherapie kurzfristig helfen. In den meisten Fällen ist eben der religiöse Glaube oder Spiritualismus
die Psychotherapie gegen die Angst; gegen die angeborene Angst vor dem Unbekannten oder vor dem Ende. -- Zufällig habe ich das Glück (oder Pech?), keine angeborene Angst vor dem Ende zu haben (vor dem Sterben schon, aber nicht vor dem Tod). Wäre das nicht so, würde wohl auch ich mir eine von diesen vielen Religionen herauspicken und zu fetischisieren lernen.
Cheers,
|-|ardy